In Zeiten von professionell eingerichteten Fitnessstudios mit einer Vielzahl von Geräten hat sich ein auf den ersten Blick etwas eigenartig aussehendes Trainingsgerät beim Pumpen im Gym und dem Heimtraining als Workout-Allzweckwaffe erwiesen: Die Kugelhantel oder Kettlebell.

„Kettle“ kommt aus dem Englischen und bedeutet Kessel. Die Ähnlichkeit des Sportgeräts zu einem alten, schweren Wasserkessel ist unübersehbar. „Bell“ bedeutet „Glocke“. Zusammengesetzt bezeichnet das Wort Kettlebell eine kugelförmige Hantel mit einem Griff, die auf eine bemerkenswerte Geschichte zurückblicken kann, bis sie für das tägliche Training in unseren Wohnzimmern landete.

Ursprünge und erste Erwähnungen: Show statt Training

Der genaue Ursprung der Kettlebell ist nicht genau zurückzuverfolgen. Erste Erwähnung und Anwendung fand sie jedoch im Zirkus.

Bereits 4000-3500 vor Christus nutzten Schaustellergruppen zum Beeindrucken ihrer Zuschauer Gewichte, auch in einer Ur-Form die Kettlebell. Die Muskelmänner boten ihrem Publikum dabei eine begeisternde Show.

Kettlebell

Der Ursprung der Kettlebell erinnert kaum mehr an die heute übliche Verwendung. Kraftsportler und Hobbytrainierer schätze die Gewichtkugel gleichermaßen. (Foto: CorrieMiracle / pexels.com)

Diese Anwendung von Gewichten als Bestandteil einer Muskel-Show setzte sich bis ins frühe 18. Jahrhundert fort. Die Geschichtsforschung geht davon aus, dass sich Verkäufer auf Jahrmärkten und Festen in Osteuropa und Asien und Schausteller ein Zubrot mit Gewichtheben verdient haben.

Nachdem ihre eigentliche Beschäftigung an ihren Ständen und Attraktionen beendet war, forderten besonders vitale Kerle die örtliche Bevölkerung zu einem Kräftemessen heraus. Als Lohn erhielten die Sieger des Öfteren Präsente oder wurden auf ein Bier eingeladen.

Kraftsportler entdecken die Kettlebell für sich

Die frühe Historie der Kettlebell war also mehr von Unterhaltung als körperlicher Ertüchtigung gekennzeichnet. Natürlich brachte das Heben der runden Gewichte auch schon damals Vorteile für die körperliche Fitness mit sich, doch die Zirkusdarsteller und Muskelprotze waren sich bei Weitem noch nicht über die enorme Vielseitigkeit bewusst, die die Kettlebell mit sich brachte.

Als Übergangsglied vom Show-Heben zum gewissenhaften und durchdachten Training mit der Kettlebell kann der deutsche Strongman und Zirkusartist Arthur Saxon angesehen werden. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde Saxon zu einem kleinen Pop-Star in der Zirkus- und Gewichtsheber-Szene und verdiente sich den Spitznamen „The Iron Master“.

Saxon hält bis heute den Rekord im einarmig gebeugten Gewichtheben mit 168 Kilogramm.

Angeworben wurde Saxon, geboren Hennig, vom damals ehemaligen griechisch-römischen Ringer Arno Patschke. Gemeinsam mit Oscard Hilgenfeldt bildeten die drei starken Männer die „Großartigste Strong-Show im ganzen Land“, wie es zu ihrer Zeit beworben wurde.

Auch Hennigs Brüder waren interessiert, mit Gewichtheben Geld zu verdienen und schlossen sich der Gruppe an. 1897 begann das „Saxon-Trio“ mit seiner Tour durch die Zirkusmanegen Europas und begeisterte tausende Schaulustige.

Bedeutend für die Geschichte der Kettlebell war in erster Linie Saxons Buch, das er 1905 publizierte. In seinem bebilderten Trainings-Ratgeber von der „Entwicklung der physischen Kraft“ leitete Saxon in erster Linie interessierte junge Männer auf 45 Seiten an, welche Übungen am effektivsten sind, um ein ebenso starker Mann wie er zu werden.

Das Buch beinhaltete neben Ausführungen mit Lang- und Kurzhanteln auch Erklärungen zum Kettlebell-Training und brachte die Kugelhantel erstmals auch bei Sportinteressierten ins Gespräch, die keine Strongmens oder Schausteller waren.

Mit seinem Heft-Ratgeber „Das Text-Buch des Gewichthebens“ brachte Saxon eine weitere Schrift zur effektiven körperlichen Ertüchtigung mit Gewichten heraus, auf dessen Cover er mit einer Kettlebell abgebildet ist.

In Deutschland etablierte sich im frühen 20. Jahrhundert das sogenannte „Rundgewichtsriegen“ in einigen Turnverbänden.

In Gruppen von sechs bis sechzehn Personen wurden verschiedene Übungen mit der Kettlebell ausgeführt. Häufig wurde mit den mehrere Kilo schweren Eisenkugeln sogar jongliert.

Der Kettlebell-Kult in Russland

Einen besonderen Status genießt die Kettlebell im Osten, genauer gesagt in Russland. Dort steht die eiserne Kugel für Stärke und Männlichkeit. Aufgrund der großen Begeisterung für die Kettlebell gilt Russland als das Mutterland des Kugelhantel-Trainings.

Die Russen nennen die Kettlebell „gyria“. Die Athleten, die mit der Kugelhantel trainieren sind die „girevik“, die „Kettlebell-Männer“. Auch in Russland nutzten die Strongmen die Kettlebell im Zirkus, um ihr Publikum zu unterhalten. Besondere exzessive Anwendung findet die Kettlebell jedoch im russischen Militär.

Die Speznas, die weltbekannte russische Spezialeinheit, trainiert seine Stärke und Agilität mit Kettlebell-Übungen. Durch dieses Ertüchtigungsprogramm wuchsen in der fitnessbesessenen Nation eine Vielzahl von Jungen zu Männern heran.

Eine wichtige Person in der jüngeren Kettlebell-Historie ist Pavel Tsatsouline. Der in der ehemaligen UdssR geborene Ex-Speznas Ausbilder und Personaltrainer gilt als Kettlebell-Meister der Gegenwart. Er brachte das Trainingsgerät in den Westen Europas und vor allem in die USA.

Über die Jahre verfasste er zahlreiche Bücher zum Kettlebell-Training, unter anderem auch eines für Frauen und war einer der ersten, der auch das weibliche Geschlecht für diese Methode begeisterte. In einem Interview mit INSIGHT beschrieb er, wie er aufgrund seiner harten Drills oft bezeichnet wird, folgendermaßen:

„Kettlebells sind wie Kanonenkugeln mit Griffen. Es gibt sie in verschiedenen Gewichtsausführungen. Sie helfen dir bei jeder Art von körperlicher Ertüchtigung. Wenn du mit Kettlebells trainierst, kannst du jede Art von physischen Attributen verbessern.“

Sergej Mischin und Pyotr Kryloff: Helden des Kettlebell-Sports

Jeder Sport hat seine Legenden. So auch der Wettbewerb mit der Kettlebell. Im Jahr 1948 fand die erste offizielle Meisterschaft mit Kettlebells statt. Nachhaltig etabliert hat sich das gegenseitige Messen mit der Eisenkugel im Privatbereich jedoch nicht.

Ab den Siebzigerjahren fand die Kettlebell sich zunehmend in der Mottenkiste wieder. Genau in dieser Zeit sollte jedoch eine der größten Ikonen der Kettlebell-Geschichte geboren werden.

Sergej Mischin, 1958 geboren in Kaluga, einer Stadt rund 190 Kilometer südwestlich von Moskau, zeigte an seinem eigenen Körper, wie sehr Kettlebell-Training stärken kann.

Als Kind hatte Mischin keinerlei sportlichen Ambitionen. Er war pummelig, träge und unzufrieden mit sich selbst. Mit 15 Jahren begann er schließlich sich sportlich zu betätigen und kaufte seine erste 24 Kilogramm Kettlebell für das Training Zuhause.

Zehn Jahre lang übte Mischin ausschließlich für sich selbst. Kein Trainer, keine Wettkämpfe, keine Pokale. Mit 25 Jahren arrangierte er seinen ersten Trainer, der jedoch nicht allzu große Erfahrung im Kettlebell-Sport besaß.

Bei seinem ersten Wettkampf im Jahre 1983 gewann Mischin keine Preise, lernte aber einiges von den etablierten Kettlebell-Athleten und wurde als erster seines Fachs „Master of Sport“ der Russischen Föderation.

Kettlebell Herkunft

Nachdem ein Osteuropäer die Kettlebell erst in den Westen und bis in die USA brachte, war Russland lange Zeit der „Nabel der Kettlebell“. (Foto: dorianrochowski / pixabay.com)

Ab 1984 begann Mischin schließlich sein Vermächtnis im Kettlebell-Sport aufzubauen: Zehn Weltmeister-Titel, 20 Nationaltitel in Russland und sechs USSR Titel sind nur ein Auszug aus seinem prall gefüllten Trophäenschrank. Hinzu kommt der Verdienstorden zweiten Rangs der Russischen Föderation.

Noch bevor Mischin die Kettlebell-Bühne betrat, war ein anderer Russe bekannt für das Training mit der Eisenkugel. Pyotr Kryloff galt Ende des 19. Und Anfang des 20. Jahrhunderts als „The King of Kettlebells“.

Der Strongman, Wrestler und Athlet bereiste vor seiner Karriere im Kraftsport die Welt als Schifffahrtskapitän. Kryloff war in vielen Trainingsmethoden versiert, doch sein Steckenpferd blieb die Kettlebell.

Trainieren wie ein Kettlebell-Profi?

Über die Art und Weise des Trainings von Kryloff sind einige (mehr oder weniger sichere) Details überliefert worden. Einmal in der Woche hatte das Kraftpaket seinen Workout-Tag: Vor dem Frühstück atmete er zehn Minuten frische Luft und trainierte danach mit Gummibändern.

Anschließend machte er 100 Push-Ups und zog 15 Minuten lang Sprints an, gefolgt von Squat-Jumps und einer warm-kalten Dusche. Seine schwere zweistündige Trainings-Session bestand aus vielen Kettlebell-Übungen und Hanteltraining.

Kettlebell heute: Girevoy, Hardstyle und CrossFit

Mit dem Engagement von Pavel Tsatsouline kam es zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einem Kettlebell-Aufschwung. Mit dem Crossfit-Boom seit 2010 fand die Kugelhantel endgültig Einzug in Fitnessstudios und das Heimtraining. In jüngster Vergangenheit haben sich zudem drei Kettlebell-Stile etabliert.

Girevoy

Der Girevoy ist der Sport-Stil des Kettlebell-Trainings. Er ist leistungs- und wettbewerbsorientiert. Eine wichtige Vertreterin des Girevoy-Styles ist Valery Fedorenko.

Fedorenko gründete den World Kettlebell Club und brachte den Sport-Stil in die USA. Das Hauptaugenmerk der Trainingsform ist die Kraft-Ausdauer. Viele Übungen gehen über zehn Minuten und der Athlet ist nicht erlaubt die Kettlebell abzulegen.

Weitere Aspekte, die den Girevoy auszeichnen ist, dass die Kettlebell nur mit einer Hand berührt werden darf und im Rhythmus der Bewegungen geatmet wird.

Crossfit

Crossfit, das auch gerne in der Natur ausgeübt wird, ist nur einer von drei Haupt-Trainingsstilen, die du mit der Kettlebell umsetzen kannst. Sie ist, trotz ihrer einfachen Ausführung, eines der vielseitigsten Sportgeräte die es gibt. (Foto: tacofleur / pixabay.com)

Hardstyle

Der sogenannte Hardstyle wurde von Pavel Tsatsouline etabliert. Den Hardstyle zeichnet sich durch wenige Wiederholungen mit einer sehr hohen Intensität aus. Tsatsouline übernahm einige Komponenten aus dem Martial Arts Training. Genauer gemeint ist damit der schnelle Wechsel von An- und Entspannung.

Ebenfalls vergleichbar ist dieses Trainingskonzept mit einem Sprinter: Schnelle Freisetzung von Kraft folgt ein rapider Verlust der Anspannung.

Ein großer Unterschied zwischen Girevoy und Hardstyle ist die Atmung: Beim Girevoy passt sich die Atmung den Bewegungsabläufen an und ist tiefer, beim Hardstyle wird schneller geatmet und die Herzschlagfrequenz steigt an.

CrossFit

Der letzte große Kettlebell-Stil ist der CrossFit. Der CrossFit-Style ist überwiegend am Hardstyle angelegt. Trotzdem wurden im Trainingsablauf ein paar Modifikationen vorgenommen, so zum Beispiel beim Two-Handed-Swing, der beim Hardstyle nur bis zur Schulterhöhe ausgeführt wird, beim CrossFit aber über dem Kopf endet.

Eine Studie zeigt: Kettlebell-Workouts reduzieren Rückenschmerzen um 57% und Nackenschmerzen um 46%.

Ein Unterschied zum Girevoy ist, dass die Kettlebell zwischendurch abgesetzt wird. Befürworter dieses Stils glauben, dass dies einen zusätzlichen Trainingseffekt für die Vertikalmuskulatur mit sich bringt.

Fazit

Für welchen Kettlebell-Stil du dich schließlich entscheiden wirlst, bleibt dir überlassen. Informiere dich gerne noch in unserem Ratgeber, welche Kettlebell am besten zu dir passt und was du beachten musst.

Doch egal, für welche Trainingsmethode und Kettlebell du dich entscheidest: Du wirst mit einem Übungsgerät Trainieren, das Geschichte hat und vor allem eine wahre Allzweckwaffe im täglichen Workout ist.

Weiterführende Literatur: Quellen und interessante Links


[1] https://breakingmuscle.com/fitness/hardstyle-girevoy-or-crossfit-how-to-decide-which-kettlebell-style-is-best


[2] http://kettlebellsport.info/sergey-mishin-kettlebell-legend/


[3] https://en.wikipedia.org/wiki/Arthur_Saxon


[4] http://roughstrength.com/pyotr-kryloff-the-king-of-kettlebells/


[5] https://www.strongfirst.com/


[6] https://www.youtube.com/watch?v=YK60W-BfIwY


[7] https://www.youtube.com/watch?v=gLeRzQVc8xw

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